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    Von Bäumen und Violinen


    Letzte Woche war ich tief bewegt von einem Vortrag eines Österreichers, der Holzhäuser baut. Ehrlich gesagt hatte mir eine Freundin den Link schon vor langer Zeit geschickt, und er wirkte so langweilig, dass ich ihn zunächst gar nicht angeklickt habe – bis mein schlechtes Gewissen schließlich doch gesiegt hat.


    Warum hatte ich am Ende Tränen in den Augen?


    Für mich bringt die Inspiration hinter seinem Erfolg eine zentrale Botschaft für uns alle zum Ausdruck, und die Geschichte ist so schön, dass ich versuchen möchte, sie hier nachzuerzählen. Dr. Erwin Thoma wuchs in einem kleinen Dorf bei Salzburg auf. Schon als Kind träumte er davon, die Wälder zu pflegen, und wurde Förster. Seine erste Stelle führte ihn in einen Wald hoch in den österreichischen Alpen, wo er mit seiner Frau in einer kleinen Hütte ohne Strom und fernab der Zivilisation lebte.


    Eines Tages klopften zwei Männer an seine Tür und fragten, ob sie in seinem Wald nach einem besonderen Baum suchen dürften. Es waren Geigenbauer aus Mittenwald – einer Region in Süddeutschland, die seit dem 18. Jahrhundert für ihren Geigenbau berühmt ist. Sie suchten einen Baum, der sich perfekt für den Bau von Geigen eignete – doch solche Bäume sind selten. Es musste eine Fichte sein, mit einer ganz bestimmten Größe, einem bestimmten Alter und vor allem mit sehr gleichmäßigen Jahrringen.


    Thoma beobachtete, wie die beiden Männer ohne Werkzeuge oder Maschinen durch den Wald gingen, an die Bäume klopften und lauschten – klopfen, hören, klopfen, hören… Er hielt sie für verrückt und war überzeugt, dass sie auf diese Weise nie etwas finden würden. Schließlich ließ er sie allein und verabredete sich mit ihnen für den Abend.


    Zu seiner großen Überraschung bemerkte er, als er am Abend zu ihnen zurückkehrte, dass die beiden äußerst aufgeregt waren. Sie führten ihn zu einem Hügel, auf dem eine gewaltige, wunderschöne Fichte stand – mindestens 200 Jahre alt. Das, so versicherten sie ihm, sei der perfekte Baum, einer von tausend. Sie waren überzeugt, einen Schatz gefunden zu haben.


    Thoma verkaufte ihnen den Baum. Während er ihn fällte, fragte er sich, ob die Jahrringe tatsächlich so gleichmäßig und ideal sein würden, wie die Männer behauptet hatten. Wie konnten sie das ohne jedes Werkzeug wissen? Als der Stamm schließlich zu Boden fiel und sie den Querschnitt betrachteten, war Thoma erstaunt: Der Baum war genau so, wie sie es beschrieben hatten – ein vollkommenes Exemplar, das über mehr als 200 Jahre hinweg an diesem einsamen Ort gleichmäßig gewachsen war.


    Die Männer nahmen das benötigte Holz mit und verschwanden wieder aus seinem Leben. In den folgenden Monaten fällte Thoma weitere Bäume aus derselben Gegend – keiner war ganz so perfekt. Diese wurden an eine Fabrik geliefert, um zu Holzpellets verarbeitet zu werden, die wiederum für billige Möbel verwendet wurden – Möbel, die nur kurze Zeit halten sollten, damit Kunden bald wieder neue kaufen mussten. Thoma wurde klar, dass auch diese majestätische Fichte, hätte er sie nicht an die Geigenbauer verkauft, denselben Weg genommen hätte.


    Etwa ein Jahr später, an einem verschneiten Winterabend, klopfte es erneut an die Tür der kleinen Hütte. Die beiden Geigenbauer standen dort – mit einem Geigenkasten. Sie wollten sich bedanken. Normalerweise lassen sie das Holz zehn Jahre reifen, bevor sie ein Instrument daraus bauen. Doch diesmal waren sie so begeistert von dem Holz, dass sie sofort ein Instrument daraus gefertigt hatten.


    Als sie die Geige aus dem Kasten nahmen und der goldene Lack im flackernden Licht des Feuers schimmerte, spürte Thoma – der sich selbst als völlig unmusikalisch bezeichnet – etwas in seiner Seele. Er erinnerte sich an den stolzen Baum, an das Krachen und Knarren, als er gefallen war – und nun war daraus etwas unbeschreiblich Schönes entstanden.


    Doch erst als der Bogen die Saiten berührte und ein Klang den Raum erfüllte, so schön und so tief bewegend, dass es war, als spräche die Seele dieses alten Baumes direkt zu seinem Herzen – da kamen ihm die Tränen.


    In diesem Moment verstand er, dass die Handwerker eine Verbindung geschaffen hatten – eine Kontinuität von der Natur in die Welt der Menschen. Die Fichte war in neuer Form wiedergeboren worden, und dieses Instrument – und viele weitere, die aus diesem Baum entstehen würden – würden der Menschheit über Jahrhunderte hinweg dienen, so wie die über 300 Jahre alten Instrumente von Stradivari oder Guarneri, die bis heute gespielt werden.


    Kurz nach diesem einschneidenden Erlebnis kündigte Thoma seinen Job als Förster. Er erkannte, dass er die Bäume gar nicht wirklich geschützt hatte, sondern Teil einer Industrie gewesen war, deren Hauptantrieb Geld war – nicht die Liebe zum Wald.


    Die Geigenbauer hingegen hatten ihr Wissen über Generationen hinweg weitergegeben – ein Wissen, das auf Erfahrung, Respekt und Staunen gegenüber der Natur beruhte. Thoma suchte daraufhin seinen Großvater auf, einen traditionellen Zimmermann, und fand in dessen Arbeitsweise und Verständnis für Holz seine neue Berufung.


    Heute, weit über 60 Jahre alt, hat Thoma eines der erfolgreichsten Holzhausbau-Unternehmen Österreichs aufgebaut. Seine Häuser bestehen vollständig aus Holz, ohne chemische oder künstliche Materialien, und halten über Generationen hinweg. Sie regulieren ihr eigenes Klima – selbst im Winter benötigen sie nur wenige Tage im Jahr zusätzliche Heizung.


    Die Geigen und die Häuser bleiben – genau wie die Bäume, aus denen sie entstanden sind. Wir besitzen sie nicht, so wie wir auch diesen Planeten nicht besitzen.


    Aber wir haben das große Glück, sie eine Zeit lang nutzen zu dürfen – bevor wir sie weitergeben.


    Unversehrt. Und schön.


    Genau wie unseren Planeten.

     
     
     

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