top of page

    Musik und die Natur


    Ich hatte immer wieder einen nagenden Zweifel daran, Musikerin zu sein in einer Welt, in der es so viele wirklich ernste Probleme gibt. Sollten wir Musiker*innen unsere Intelligenz und unseren Einfallsreichtum nicht vielleicht für greifbarere, „konkretere“ Zwecke einsetzen?


    Als Mutter im Jahr 2021, mitten in einer verheerenden Pandemie und angesichts von Berichten über extreme Wetterbedingungen infolge des Klimawandels, die sich nur noch verschlimmern werden, denke ich oft zurück an meine unbeschwerten und unschuldigen Kindheitstage auf unserer kleinen Familienfarm in Neuseeland. Damals war Greenpeace irgendwie „cool“, aber das Thema globale Erwärmung spielte in meinem Bewusstsein kaum eine Rolle. Ich frage mich, ob meine Kinder oder deren Kinder jemals wieder eine so sorgenfreie Welt erleben werden.


    Haben Musiker*innen also überhaupt eine tragfähige Rolle in der heutigen Gesellschaft? Ich möchte die These aufstellen, dass nicht nur Natur und Umwelt, sondern auch Musik von entscheidender Bedeutung für das Überleben der Menschheit und unseres Planeten sind.


    Musik und Natur sind eng miteinander verbunden, und ich glaube, dass die Wertschätzung, Präsenz und Qualität beider ein wichtiger Indikator für das Wohlbefinden einer Gesellschaft sind. Zahlreiche Studien zeigen, dass sowohl Musik als auch Natur die menschliche Psyche beeinflussen können. So schreibt zum Beispiel der Harvard-Biologieprofessor Brian Farrell in seinem Artikel „First Take: Music and Nature“, dass …

    „Musik, Meditation, Natur sowie künstlerische und religiöse Erfahrungen haben ähnliche Wirkungen auf das Gehirn. Sie bewirken jene kontemplativen Veränderungen der Gehirnwellen, die sich gleichzeitig positiv auf das Stressniveau und möglicherweise auch auf die allgemeine Gesundheit auswirken. Dies ist ein aktives Forschungsfeld.“
    Vivaldi Four Seasons with Penelope Spencer and artist James Mayhew
    Vivaldi Four Seasons with Penelope Spencer and artist James Mayhew

    Musik kann tief verwurzelte Emotionen auslösen – auf eine Weise, wie Worte allein es nicht vermögen. Diese Erkenntnis ist nicht neu: Seit Jahrhunderten nutzen Menschen (und sogar einige Tiere!) Musik, um wichtige Botschaften, Philosophien oder auch ein Gefühl von Gemeinschaft zu vermitteln.


    Künstler aller Art wiederum haben sich stets von der Natur inspirieren lassen – von den frühesten Höhlenmalereien bis hin zu den Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi und darüber hinaus.


    Man könnte sogar sagen, dass sowohl unser Bedürfnis, uns durch Musik auszudrücken, als auch unsere Fähigkeit, die Schönheit der Natur zu schätzen, zu den grundlegenden Eigenschaften gehören, die uns als Menschen ausmachen.


    Rekonstruktionen von (oben) einer 53.000 Jahre alten Neandertalerflöte aus Bärenknochen, gefunden in Slowenien (möglicherweise vom Blockflötentyp), (Mitte) einer 30.000 Jahre alten französischen Flöte aus Hirschknochen (höchstwahrscheinlich vom Blockflötentyp) und (unten) einer 4.000 Jahre alten französischen Flöte aus Geierknochen (definitiv vom Blockflötentyp).
    Rekonstruktionen von (oben) einer 53.000 Jahre alten Neandertalerflöte aus Bärenknochen, gefunden in Slowenien (möglicherweise vom Blockflötentyp), (Mitte) einer 30.000 Jahre alten französischen Flöte aus Hirschknochen (höchstwahrscheinlich vom Blockflötentyp) und (unten) einer 4.000 Jahre alten französischen Flöte aus Geierknochen (definitiv vom Blockflötentyp).

    Musik entstand sehr früh in der Menschheitsgeschichte – einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass die großen Nasenhöhlen der Neandertaler, die vor etwa 500.000 bis 35.000 Jahren in Eurasien lebten, auf die Fähigkeit hinweisen, resonante Gesänge zu erzeugen. Das könnte erklären, warum wir in Musik so viel Bedeutung und Emotion finden, obwohl wir oft nicht genau erklären können, warum sie uns so berührt.


    Diese schwer greifbare Unbestimmtheit eines so grundlegenden menschlichen Ausdrucks deutet darauf hin, dass die Wurzeln der Musik näher an unserem „Reptiliengehirn“ liegen als an unserem später entwickelten rationalen Cortex – dass Musik womöglich sogar älter ist als die menschliche Sprache selbst. Die Neurobiologie hat unser Verständnis dafür erheblich erweitert und gezeigt, wie tief Musikproduktion und -wahrnehmung in unserem Gehirn verankert sind. Während Sprachfähigkeit durch Verletzungen oder Läsionen beeinträchtigt werden kann, bleiben musikalische Fähigkeiten oft erstaunlich erhalten. Tatsächlich können Menschen, die ihre Sprache verloren haben, manchmal lernen, ihre Gedanken zu singen.


    Wenn wir musikalische Klänge als eine intuitive, nonverbale Form der Kommunikation betrachten, können wir unsere eigene Entwicklung in einer vielfältigen, lebendigen Welt besser verstehen. Es gibt die – nicht beweisbare – Theorie des mathematischen Platonismus, die besagt, dass eine universelle Mathematik existiert, die nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Könnte es auch eine universelle Musik geben? Oder ist Musik lediglich ein Produkt des jeweiligen Geistes – sei es menschlich, vogel- oder walartig? Die auffälligen Ähnlichkeiten zwischen menschlicher Musik, Vogelgesang und Walgesang legen nahe, dass vielleicht tatsächlich eine universelle musikalische Struktur existiert.


    Es ist klar, dass Musik und Natur eng miteinander verbunden sind – man könnte sogar sagen, dass das eine ohne das andere nicht existiert. In der Natur dient Musik der Kommunikation und Fortpflanzung – ein offensichtliches Beispiel ist der Gesang der Vögel. Diese „Lieder“, die von wenigen Sekunden bis zu mehreren Minuten dauern können, sind echte musikalische Strukturen. Neuere Studien zeigen sogar, dass auch bestimmte Mäuse singen. Doch nicht nur kleine Tiere sind musikalisch aktiv – zu den größten „Sängern“ der Erde gehören Elefanten und Wale.


    Die Unterwassergesänge der Buckelwale weisen strukturelle Ähnlichkeiten mit Vogel- und menschlicher Musik auf und zeigen, dass diese Meeressäuger wahre Komponisten sind. Ihre Gesänge folgen Prinzipien, die denjenigen menschlicher Komposition erstaunlich nahekommen. Moderne Audiotechnologien ermöglichen es uns, faszinierende Parallelen zwischen Tiergesang und menschlicher Musik zu erkennen: Rhythmische Variationen, Tonbeziehungen sowie Permutationen und Kombinationen von Motiven finden sich in beiden Welten.


    Wenn also die Natur auf Musik angewiesen ist – wie steht es dann um uns Menschen? Auch wenn sich musikalische Ausdrucksformen von Kultur zu Kultur stark unterscheiden, zeigt ihre universelle Präsenz, dass auch der Mensch ein tiefes Bedürfnis hat, Musik zu erschaffen, aufzuführen und zu hören. Offenbar waren schon unsere Vorfahren, sowohl Cro-Magnon-Menschen als auch Neandertaler, musikbegeistert. Funde prähistorischer Flöten aus Tierknochen in Frankreich und Slowenien – zwischen 4.000 und 53.000 Jahre alt – belegen, dass schon frühe Kulturen viel Zeit und handwerkliches Können in die Herstellung komplexer Musikinstrumente investierten.


    In einer Zeit, in der sowohl Natur als auch Musik bedroht sind, ist es daher kaum verwunderlich, dass viele Menschen um die Zukunft der Menschheit fürchten. Können wir uns eine Welt ohne Natur und ohne Musik vorstellen? (Denn das eine existiert nicht ohne das andere.) Ich persönlich kann das nicht – denn in einem solchen Fall wäre die Menschheit vermutlich nicht überlebensfähig.


    Wir sind auf die Wälder angewiesen, deren Klangwelt nicht nur ihr eigenes Ökosystem trägt, sondern uns auch Orientierung in unserer Umwelt gibt. Können wir uns eine Welt ohne Vogelgesang vorstellen, ohne das Rauschen des Windes in den Bäumen, ohne natürliche Klänge? Ebenso wenig lässt sich eine Welt ohne von Menschen geschaffene Musik denken – oder ohne Musik, die von der Natur inspiriert ist.


    Die Antworten auf diese Fragen zeigen deutlich: Wir haben keine Wahl, als sowohl unser natürliches als auch unser kulturelles Erbe mit derselben Leidenschaft zu pflegen, mit der Wissenschaftlerinnen und Innovatorinnen an Lösungen für ökologische, gesundheitliche, soziale und politische Herausforderungen arbeiten.


    Lasst uns von der Natur lernen – und gemeinsam daran arbeiten, unser Bestes zu geben, jede und jeder an seinem bzw. ihrem Platz.


    Vielen Dank an die folgenden Artikel:

     
     
     

    Kommentare


    BarockConnections.

    Abonniere die neuesten Updates von Barock Connections!

    Vielen Dank!

    © 2024 Barock Connections

    Powered and secured by Wix

    bottom of page