Bayerische barocke Volksmusik
- Penelope Spencer

- 12. Juni 2020
- 2 Min. Lesezeit

Während der Corona-Zeit haben meine Kolleg*innen und ich hier in München eine außergewöhnliche Entdeckungsreise unternommen. Wir hatten die seltene Gelegenheit, in die Klangwelt des 17. und 18. Jahrhunderts in München einzutauchen und verbrachten viele unvergessliche Nachmittage in meinem Studio im Münchner Westen, wo wir vergessene Manuskripte unserer musikalischen Kollegen von vor 200 Jahren zum Klingen brachten.
Wir waren erstaunt über die üppigen Melodien und die herausragende Qualität der Trios und Sonaten von Dall’Abaco – vielleicht sogar besser als Händel! Die kühne Schönheit von Johann Fux’ Harmonien hat uns in ihren Bann gezogen, und die Erfindungskraft und der Humor Marinis haben uns begeistert – um nur einige zu nennen…

Dann stellte sich die Frage… Bayerische Barockmusik ist unverwechselbar – voller wunderschöner Melodien. Aber woher kommen sie? Könnte es eine Verbindung zur Volksmusik der damaligen Zeit geben? Schließlich – woher stammt eigentlich die heutige bayerische Volksmusik?
Unsere Recherchen führten uns schnell zu einer der weltweit führenden Expertinnen für das barocke Hackbrett und einer festen Größe in der Volksmusikszene: Prof. Birgit Stolzenburg. In einem geradezu überwältigenden Nachmittag führte sie uns in ihre Welt ein – mit vier historischen Hackbrettern aus der Zeit von etwa 1400 bis ins frühe 19. Jahrhundert.
Als wir an diesem Tag die wunderschönen Melodien, Tänze und Märsche spielten, mit denen Mozart und Haydn aufgewachsen sein müssen und aus denen sie vermutlich unbewusst ihre Inspiration schöpften, wurde uns klar: Wir hatten etwas ganz Besonderes gefunden – etwas von großer Bedeutung für die Geschichte Bayerns und vielleicht sogar für die gesamte abendländische Musiktradition. Die bayerische Volksmusik vor 1800 ist schlicht bezaubernd – und ganz anders als das, was wir heute hören!
Birgit war überglücklich, dass sich endlich ausgebildete Musikerinnen für dieses Repertoire interessieren – und besonders Barockmusikerinnen, denn es gibt erstaunlich viele Gemeinsamkeiten in der musikalischen Herangehensweise.

Die Herausforderung, vor der wir nun stehen, besteht darin, die ursprünglichen Quellen freizulegen – ein Großteil davon befindet sich noch in Manuskripten in Volksarchiven oder sogar in privaten Sammlungen – und Wege zu finden, dieses Material für ein heutiges Publikum möglichst attraktiv zu präsentieren.
Die Geschichte Bayerns, verborgen in den Balladen des Alltags, wartet in den Archiven darauf, erzählt zu werden. Und die Tänze, Märsche und Ländler jener Zeit führen uns auf eine Weise in diese Welt hinein, die Worte allein nicht vermitteln können.
Diese Musik hat zweifellos ein großes Potenzial, sowohl ein klassisches als auch ein volksmusikalisches Publikum anzusprechen. Und sie verdient es, mit professioneller Sorgfalt und Aufmerksamkeit erschlossen zu werden.
Wir sind überzeugt: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür – und wir sind die Richtigen, um diesen Weg zu gehen.



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