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    Die Interpretation von Bachs Sonaten: Theologie

    Johann Sebastian Bach (1685–1750) und Johannes Bugenhagen (1485–1558) – Pastor von Martin Luther
    Johann Sebastian Bach (1685–1750) und Johannes Bugenhagen (1485–1558) – Pastor von Martin Luther

    Beim Studium der Musik von Johann Sebastian Bach habe ich oft das Gefühl, dass es eine große Hilfe wäre, die geistige Welt besser zu verstehen, aus der diese Meisterwerke hervorgegangen sind. Einen wichtigen Schlüssel dazu bietet die Musikauffassung von Martin Luther, denn Bach scheint seinen lutherischen Glauben tief verinnerlicht zu haben.


    Luthers Verständnis von Musik lässt sich – vereinfacht – folgendermaßen zusammenfassen:

    • Das Wesen Gottes offenbart sich in musikalischen Proportionen:

    „Du aber hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“ (Weisheit Salomos)

    • Musik spiegelt nicht nur die Ordnung der Schöpfung durch ihre eigene Zahlenstruktur wider, sondern kann den Menschen auch aktiv beeinflussen, indem sie ihn hörbar mit dieser göttlichen Ordnung in Verbindung bringt

    • Musik macht den Menschen empfänglich für das Wort Gottes und verleiht der Botschaft Nachdruck und Kraft

    • Durch Musik wird das Unsichtbare hörbar – ihre Aufgabe ist es daher, Gott zu preisen und den Menschen zu erbauen

    • Musik ist ein Geschenk Gottes – eine „Predigt in Tönen“


    Dietrich Bartel führt diesen Gedanken weiter aus (Musica Poetica, 1997):

    Das menschliche Bedürfnis, musikalisch tätig zu sein, ist in dieser Epoche weniger als Selbstausdruck zu verstehen, sondern vielmehr als Ausdruck einer Beziehung zum Schöpfer. Musik kann daher auch im Kampf gegen Melancholie und „dunkle Kräfte“ eingesetzt werden. Für lutherische Komponisten war die musikalische Komposition – anders als etwa in Italien – gleichsam die „lebendige Stimme des Evangeliums“. Wie der Prediger sollte auch der Komponist alle künstlerischen Mittel nutzen, um seine Hörer zu überzeugen – insbesondere rhetorische Mittel. Musik hatte somit eine deutlich pädagogische Funktion.


    Ein zentraler Aspekt von Luthers Musiktheologie ist die Lehre von den musikalischen Proportionen, die auf der mittelalterlichen Theorie des Monochords basiert:


    Teilt man eine gespannte Saite genau in der Mitte, entsteht ein Verhältnis von 1:1 – ein Unisono. Teilt man sie im Verhältnis 1:2, erklingt die Oktave, und so weiter.


    Diese einfachen Zahlenverhältnisse galten als Abbild einer göttlichen Ordnung – und genau diese Ordnung wird in der Musik hörbar gemacht.


    Eine mittelalterliche Darstellung eines Monochords, die zeigt, wie durch das Verkürzen der Saite an verschiedenen Punkten unterschiedliche Tonhöhen bzw. Intervalle entstehen.
    Eine mittelalterliche Darstellung eines Monochords, die zeigt, wie durch das Verkürzen der Saite an verschiedenen Punkten unterschiedliche Tonhöhen bzw. Intervalle entstehen.

    Zusammenfassung:


    Intervalle und Proportionen:

    • Unisono (C): 1:1

    • Oktave (C–c): 1:2

    • Quinte (c–g): 2:3

    • Quarte (g–c’): 3:4

    • Große Terz (c’–e’): 4:5

    • Kleine Terz (e’–g’): 5:6

    • Große Sexte (g–e’): 3:5

    • Kleine Sexte (e’–c’’): 5:8

    • Ganzton (c’’–d’’): 8:9

    • Halbton (b’’–c’’’): 15:16


    Die „göttliche“ Bedeutung der Intervalle (nach barocken Theoretikern):


    • Unisono (1:1): Ausgangspunkt aller Musik/Schöpfung – „Perfektion = Gott“ (Werckmeister)

    • 1 = Gott Vater

    • 2 = der Sohn

    • 3 (Quinte 2:3) = Heiliger Geist

    • 1:2 (Oktave) = Verhältnis Vater : Sohn

    • 4 = himmlische Zahl (Engel), zugleich kosmische Ordnung (vier Elemente, Jahreszeiten, Temperamente); die Quarte (3:4) verbindet die Trinität (1:2:3) mit der Dreiklangstruktur (4:5:6)

    • 5 = Mensch (fünf Sinne, fünf Gliedmaßen); der Mensch findet seine Erfüllung nur im göttlichen Zusammenhang (z. B. 4:5:6)

    • Die kleine Terz (5:6) bleibt ohne göttlichen Bezug „verlassen“

    • 7 erscheint nicht in den Proportionen – sie gilt als heilige, geheimnisvolle Zahl (Ruhe des siebten Schöpfungstags)



    Zahlensymbolik bei Johann Sebastian Bach (Beispiel BWV 1016):


    B = 2, A = 1, C = 3, H = 8

    • 2 + 1 + 3 + 8 = 14

    • 2 × 1 × 3 × 8 = 48


    Daraus ergeben sich strukturelle Bezüge:

    • 48 – 14 = 34 (Takte 1. Satz)

    • 48 × 3 (Trinität) = 144 (2. Satz)

    • 48 + 4 (Engel) = 62 (3. Satz ohne Coda)

    • 11 (Jünger) × 14 = 154 (4. Satz)



    Nach George Buelow verstand kaum ein Theoretiker Musik so eindeutig als Ergebnis göttlichen Wirkens wie Bach. Ziel barocker Musik war es daher, bestimmte Affekte im Hörer hervorzurufen.


    Während Tonarten Affekte unterstützen, gelten Rhythmus und Tempo (also „Zahlenverhältnisse“) als verlässlichere Ausdrucksträger.


    Johann Mattheson differenziert dies weiter anhand von Tanzformen:

    • Menuett – gemäßigte Freude

    • Gavotte – jubelnde Freude

    • Bourrée – Zufriedenheit



    Zentrale Affekte im Barock:


    • Trauer: harte Intervalle, Dissonanzen, Synkopen, große Intervallsprünge

    • Zorn: wie Trauer, aber schneller

    • Freude: konsonante Intervalle, Dur, klare Rhythmen, hohe Lage, Streben zum Unisono

    • Liebe: Mischung aus Sehnsucht und Freude; instabil, kontrastreich; ruhiger Puls

    • Dreiertakt: Symbol der Trinität und Vollkommenheit



    In den Violinsonaten von Bach erscheinen diese Grundaffekte – Trauer, Zorn, Freude und Liebe – in großer Vielfalt.


    Darüber hinaus lässt sich die These aufstellen, dass einige Sonaten auch mit zentralen Stationen des lutherischen Kirchenjahres in Verbindung stehen – insbesondere Weihnachten und Ostern.


     
     
     

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