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    Die Interpretation von Bachs Sonaten: Die Wahl der Tonart

    BWV 1016 Copyist: Johann Chrisoph Altnikol (1720 - 1759)
    BWV 1016 Copyist: Johann Chrisoph Altnikol (1720 - 1759)

    Beim Studium der Sonaten für Violine und obligates Cembalo erschien es mir zunächst seltsam, dass Johann Sebastian Bach so extreme Tonarten wählte. Warum komponierte er in f-Moll (vier b) oder E-Dur (vier Kreuze), wenn diese Tonarten im damaligen ungleichstufigen Stimmungssystem des Cembalos doch stellenweise scharf oder sogar verstimmt klingen mussten?


    Dann wurde mir klar, dass die Wahl der Tonart einen entscheidenden Einfluss auf den Charakter eines Stücks hat: Je mehr b-Vorzeichen, desto ernster die Stimmung – je mehr Kreuze, desto heller, aber auch fragiler wirkt die Musik.


    Diese Erkenntnis ergab plötzlich Sinn, als ich mich mit zeitgenössischen Schriften über musikalischen Ausdruck beschäftigte, insbesondere mit den Ausführungen zu den Charakteren der Tonarten von Christian Friedrich Daniel Schubart (1739–1791), einem Zeitgenossen Bachs.


    Schubart war ein deutscher Dichter, Musikschriftsteller, Komponist und bedeutender Tastenvirtuose. In seinen Schriften – darunter ein wichtiges Werk zur musikalischen Ästhetik – betont er die zentrale Rolle des Ausdrucks in der Musik. Seine Gedichte wurden häufig vertont; Franz Schubert setzte unter anderem vier seiner Texte in Musik, darunter Die Forelle.


    Schubart vertrat die Ansicht, dass das Volkslied die eigentliche Musik des Volkes sei, gehörte aber zugleich zu den wenigen Autoren seiner Zeit, die die Größe sowohl von Carl Philipp Emanuel Bach als auch von Johann Sebastian Bach in vollem Umfang erkannten.


    Richard Troeger schreibt dazu in Playing Bach on the Keyboard (Amadeus Press, 2003), im Abschnitt über Loci Topici (Invention, also das Finden musikalischer „Themen“):

    „Die Tonart selbst kann als ein Topos fungieren. Es scheint ziemlich klar, dass Johann Sebastian Bach bestimmten Tonarten bestimmte Charaktere, Stimmungen und/oder symbolische Bedeutungen zugeordnet hat. Diese Annahme wird durch den Vergleich verschiedener Werke in denselben Tonarten gestützt – auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt.
    So verwendet Bach G-Dur häufig für einen brillanten, oft virtuosen Charakter. Allein die Goldberg-Variationen zeigen dies deutlich; man denke aber auch an die beiden Präludien- und Fugenpaare in G-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier
    Auch F-Dur neigt zur Brillanz, wie das Italienische Konzert sowie beide Fugen in dieser Tonart aus dem Wohltemperierten Klavier nahelegen.
    D-Dur wirkt festlich und erinnert an Trompeten und Pauken, etwa im orchestralen Stil der Ouvertüre der Partita Nr. 4, in der Fuge in D-Dur aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers sowie im Präludium in D-Dur aus dem zweiten Band.
    h-Moll ist tragisch und oft majestätisch – man denke an die Ouvertüre im französischen Stil (ursprünglich in c-Moll) und an Präludium und Fuge Nr. 24 aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers (ganz zu schweigen von der h-Moll-Messe).
    Es-Dur hingegen ist lyrisch und/oder majestätisch; Beispiele hierfür sind das Präludium, Fuge und Allegro, das „St.-Anne“-Präludium und die Fuge sowie Präludium und Fuge Nr. 7 aus beiden Bänden des Wohltemperierten Klaviers.“

    In meinen Blogs zu den einzelnen Sonaten wird deutlich, wie außerordentlich wichtig Johann Sebastian Bachs Wahl der Tonart für die Gestaltung und Vermittlung des musikalischen Ausdrucks ist.


    Als Interpretin barocker Musik würde ich sogar so weit gehen zu sagen: Dieses Wissen ist unerlässlich!


    Sonaten für Violine und obligates Cembalo:

    • Sonate in h-Moll, BWV 1014

    • Sonate in A-Dur, BWV 1015

    • Sonate in E-Dur, BWV 1016

    • Sonate in c-Moll, BWV 1017

    • Sonate in f-Moll, BWV 1018

    • Sonate in G-Dur, BWV 1019



     
     
     

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